Fünf Mythen über berufliches Scheitern und was sie verdecken ..
- Hubert Unterweger
- 7. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Aug.
Einleitung: Was bedeutet eigentlich Scheitern – und wer bestimmt das?
Scheitern. Krise. Bruch, sind Worte, die in uns sofort etwas auslösen – Bilder, Gefühle, Bewertungen. Doch was bedeutet Scheitern eigentlich für uns persönlich? Und noch wichtiger: Wer entscheidet, ob etwas als Scheitern gilt?
Ist es die innere Stimme, die uns kritisch beäugt? Sind es gesellschaftliche Erwartungen, berufliche Normen, familiäre Prägungen – oder optimierte Erfolgserzählungen auf Social Media?
Bevor wir über berufliches Scheitern sprechen, lohnt sich ein Moment der Reflexion:
Wie definieren wir selbst eine Krise? Und wo übernehmen wir Definitionen, die vielleicht gar nicht zu unserem Leben passen?
Denn häufig erliegen wir bestimmten Mythen und Vorstellungen – darüber, was Erfolg ist, wie Entwicklung auszusehen hat, und was es angeblich über uns aussagt, wenn ein Vorhaben nicht aufgeht. Diese Mythen sind nicht neutral. Sie prägen unser Denken, unsere Selbstwahrnehmung
und oft auch unseren Umgang mit beruflichen Wendepunkten.
Ich beschreibe fünf gängige Mythen und Narrative rund ums berufliche Scheitern – und lade zur kritischen Reflexion ein: über persönliche wie strukturelle Dynamiken, über den Einfluss neoliberaler Erfolgserzählungen und über das Potenzial, das entsteht, wenn wir ehrlich hinschauen.
Mythos 1: „Scheitern ist das Gegenteil von Erfolg.“
Diese Erzählung ist tief in unserem Denken verankert – Erfolg gilt als Ziel, Scheitern als Abweichung, als Beweis dafür, dass etwas nicht funktioniert hat. Doch dieser Gegensatz greift zu kurz.
Scheitern ist in vielen Fällen kein Ende, sondern ein Prozess – ein Zwischenraum, in dem sich zeigt, was nicht (mehr) trägt. Es ist oft der Moment, in dem sich herausstellt, dass bisherige Strategien, Rollen oder Strukturen überlebt sind. In diesem Sinne kann Scheitern auch ein Korrektiv sein – ein Hinweis darauf, dass etwas grundsätzlich nicht mehr stimmig war.
Mythos 2: „Wer scheitert, war nicht gut genug.“
Diese Vorstellung erzeugt enormen Druck. Sie suggeriert: Wer verliert, ist selbst schuld – hat nicht genug getan, sich nicht genug angestrengt. Doch viele scheitern nicht, weil sie nicht fähig wären, sondern weil sie sich über Jahre hinweg angepasst, überfordert oder in Systeme eingebunden haben, die sie auslaugen.
Diese individualisierte Sicht auf Scheitern verkennt, dass Leistung immer im Kontext entsteht: in Organisationen, in wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, in zwischenmenschlichen Abhängigkeiten. Es braucht Mut, sich dieser Realität zu stellen – und Mitgefühl, um sich nicht selbst die Schuld für alles zuzuschreiben.
Mythos 3: „Aus jedem Scheitern geht man gestärkt hervor.“
Das klingt kraftvoll – ist aber oft eine Überforderung. Die Idee, dass jede Krise eine Chance sei, gehört zum Standardrepertoire der Selbstoptimierungsrhetorik. Dabei entsteht echte Stärke nicht durch das Scheitern, sondern durch die Auseinandersetzung damit.
Scheitern konfrontiert uns mit Enttäuschung, Verlust, Selbstzweifeln. Wer diese Gefühle überspringt, um „schnell wieder stark“ zu sein, verpasst die eigentliche Arbeit: zu verstehen, was da gerade zerbricht – und warum. Stärke bedeutet in diesem Kontext: ehrlich mit sich zu sein, sich Zeit zu lassen und – wenn nötig – professionelle Begleitung anzunehmen.
Mythos 4: „Du musst nur an dich glauben – dann wird alles gut.“
Dieser Mythos speist sich aus dem neoliberalen Narrativ der totalen Selbstverantwortung. Erfolg wird als Ergebnis mentaler Stärke verkauft – ganz so, als wäre die Realität formbar, wenn wir nur genug an uns glauben. Doch dieser Gedanke verschleiert Machtverhältnisse, Diskriminierung, Klassenzugehörigkeit und strukturelle Barrieren. Wer scheitert, ist nicht automatisch „zu wenig positiv“, sondern oft einfach ein Mensch in einem komplexen System. Resilienz entsteht nicht durch ständig Selbstoptimierung, sondern durch echte personale Ressourcen, soziale Netzwerke und die Fähigkeit, auch Grenzen zu akzeptieren.
Mythos 5: „Scheitern ist peinlich – das sollte ich lieber verschweigen.“
Dieses Schweigen ist vielleicht der schädlichste aller Mythen. Es schafft ein Klima der Unsichtbarkeit und der Isolation. Wer scheitert, zieht sich zurück – oft, weil er das Gefühl hat, allein zu sein. Dabei sind Brüche, Umwege und Richtungswechsel die Regel, nicht die Ausnahme.
Es braucht Räume, in denen wir über berufliche Krisen sprechen dürfen – ohne Scham, ohne vorschnelle Tipps, ohne Erfolgsdruck. Dort entsteht das, was man echte Entwicklung nennen kann: nicht in der Heldenreise, sondern im ehrlichen Gespräch über das, was nicht funktioniert hat.
Scheitern als Spiegel – und als Einladung zur Rückschau
Scheitern bedeutet oft nicht nur, dass ein Projekt endet – sondern auch, dass wir mit einer längeren Entwicklung konfrontiert werden, die aus der Balance geraten ist. Im Moment des Scheiterns werde ich eingeladen – manchmal auch gezwungen – zurückzublicken. Das ist oft schmerzhaft, manchmal peinlich, fast immer unangenehm. Und doch steckt darin ein Schatz: die Möglichkeit, nicht einfach weiterzumachen wie bisher – sondern bewusster, klarer, freier neu zu entscheiden.
Wo habe ich mich zu sehr angepasst?
Wo bin ich Kompromisse eingegangen, die mir nicht gutgetan haben?
Welche Signale habe ich überhört?
Conclusio: Was bleibt – und was wir loslassen dürfen
Die fünf Mythen rund ums berufliche Scheitern zeigen eines deutlich: Vieles von dem, was wir über Misserfolg, Brüche und Neuanfänge zu wissen glauben, ist nicht selbst gedacht – sondern übernommen. Von gesellschaftlichen Idealen, neoliberalen Narrativen, Marketingversprechen oder familiären Prägungen. Doch genau darin liegt auch eine Möglichkeit und Idee:
Indem wir diese Mythen erkennen und kritisch hinterfragen, gewinnen wir die Freiheit zurück, unser eigenes Verständnis von Gelingen und Scheitern zu entwickeln. Ein Verständnis, das Raum lässt für Ambivalenz, für Umwege, für Wachstum in andere Richtungen.
Scheitern ist nicht das Ende. Es ist oft der Anfang eines neuen Fragens: Was will ich wirklich? Was passt (nicht mehr)? Und was darf ich loslassen, um klarer und authentischer weiterzugehen?
Wer sich diesen Fragen stellt, ist nicht gescheitert – sondern bereit, Verantwortung für das eigene Leben neu zu übernehmen. Und das ist vielleicht die mutigste Form von Erfolg, die es gibt.
Herzliche Grüße
Hubert
ACT-Coach & Supervisor
Mobil: 0660 6789506
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